In der aktuellen Ausstellung POIESIS stellt Ihnen der Kunstraum artplosiv die Bildhauerin und Installationskünstlerin Katrin Wegemann (*1982) vor. Artplosiv präsentiert die beiden aktuellsten Arbeiten der Künstlerin und gibt damit einen Einblick in den gegenwärtigen Stand ihrer künstlerischen Entwicklung: Die Arbeit »Aufsteigen« (2011) ist während Ihres Residenzstipendiums 2010/2011 im Alten Spital Solothurn (CH) entstanden. Die Arbeit »Treiben« (2011) wird exklusiv im Rahmen der Ausstellungseröffnung uraufgeführt.
In früheren Arbeiten der Künstlerin spielten der Zufall oder genauer gesagt die Initiierung natürlicher Selbstbildungsprozesse eine Rolle: In ihrer Arbeit »Scheibenkleister« von 2006 bestrich Katrin Wegemann die 360° Grad verglaste Aussenfassade des Wewerka Pavillons in Münster von innen mit 2000 Liter Scheibenkleister. Die Funktion der Scheibe − ihre Transparenz − verschwand und der leere Innenraum war nur noch diffus zu erahnen. Mit der Zeit lösten sich Bahnen des Kleisters wie Fetzen von der Außenhaut des Pavillons ab und gaben so nach und nach den Blick in den Innenraum wieder frei. Katrin Wegemann initiierte einen Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinzog und ohne weiteren Eingriff der Künstlerin auskam: sie überließ den Raum und die Materialien sich selbst.

Katrin Wegemann I »SCHEIBENKLEISTER« | Wewerka Pavillon Münster | (2006)
2000 Liter Kleister | L10.0 x B20.0 x H4.20 (m)
Die in der Ausstellung präsentierten Werke stehen nun exemplarisch für eine Entwicklung in der Kunst Katrin Wegemanns, in der die Präsenz des technischen Apparates als Auslöser und Schöpfer von Vorgängen und Prozessen stetig zugenommen hat. Anhand der ersten von ihr programmierten Arbeit »Aufsteigen« wird im Unterschied zu den vorherigen Werken ein zunehmendes Maß an Steuerung und Kontrolle der von ihr angestoßenen Prozesse deutlich.
Die technischen Apparaturen sind in den beiden vorgestellten Arbeiten »Aufsteigen« und »Treiben« das Bewegung erzeugende Element. Sie bilden die Basis der sich stetig wandelnden Kunstwerke der Künstlerin und werden zum Produzenten der künstlerischen Absicht, indem sie selbstschöpferisch der Vermittlung ästhetischer Erfahrungen dienen: In der Installation »Treiben« schwingt ein Kescher zwischen zwei Tabletts mit Seifenlauge hin und her − taucht mal in das eine, mal in das andere. Durch die Bewegung – das Hin und Her − werden Seifenblasen geformt, die umherschweben, bis sie schließlich auf Boden, Decke oder Wänden zerplatzen. Die Seifenblasen − fragile Objekte auf Zeit − füllen allmählich den Raum, umgeben den Betrachter und erzeugen für diesen immer wieder neue Gesamteindrücke.
»Aufsteigen« besteht aus acht silbernen, spiegelnden und mit Helium gefüllten Ballons, die in regelmäßigen Abständen auf einer Linie angeordnet sind. Jeder einzelne Ballon ist mit einem dünnen Seil mit einer auf dem Boden stehenden Apparatur verbunden. In einem bestimmten programmierten Rhythmus werden die Ballons von den Apparaturen angezogen, um dann wieder hochzusteigen. Zwischen dem vierten und fünften Ballon befindet sich eine Symmetrieachse, wodurch diese Variante der Arbeit mit acht Ballons symmetrisch angelegt ist. Im Schlussakt der Aufführung lösen sich die Ballons von den Apparaturen und werden − sich nun frei bewegend − in den Galerieraum entlassen. Die Komposition, der Ablauf des Programms folgt einer wiederholbaren und von Katrin Wegemann festgelegten Choreografie. Auch hier entfaltet sich die Wirkung der ansteigenden und sich senkenden silbernen Ballons immer wieder neu in einem komplexen Dialog zwischen Bewegung, Objekt, Raum und Betrachter. Belebt durch die in der Komposition verankerten Beziehungen untereinander, die dreidimensionale Entwicklung von Raumkonstellationen und die galvanisierten Oberflächen werfen die Ballons den Blick des Betrachters zurück auf die eigene Person, die Mit-Beobachter, das Objekt und den Raum, der ihn umgibt: So spielt »Aufsteigen« mit den sich stetig wandelnden Koordinaten der menschlichen Wahrnehmung, in der das Kunstwerk letztendlich erst entsteht.

Katrin Wegemann I »AUFSTEIGEN« | (2011)
8 reflektierende Heliumballons | 8 Spulmotoren | Relaissteuerung | weißer Faden
Maße variabel | L5.0 x B:0.4 x H:2.2 (m)
»Aufsteigen« ist zudem Teil einer Serie von Arbeiten, in denen Katrin Wegemann mit Ballonen arbeitet. 2010 präsentierte sie in der Ausstellung »Positionsänderung.Lokal 2010« in Herten dem Besucher eine Apparatur mit dem Titel »Wachsen« − eine Pumpe mit Steuerventil − die langsam einen weißen, übergroßen Luftballon aufpumpte. Der Ballon erlangte nach wenigen Minuten seine volle Größe, schien fast zu platzen, löste sich dann aber doch von der Apparatur, schwebte durch den Raum, bis er - die Luft nun gänzlich ausgestoßen - auf den Boden und wieder in seinen ursprünglichen flachen Zustand zurückkehrte. Den Moment äußerster Gespanntheit, den der Betrachter dieser Arbeit erlebte, bevor sich der Ballon - schließlich ohne zu Platzen - von der Apparatur löste, hält Katrin Wegemann aktuell in der Arbeit »Atmen«, die zurzeit in der Ausstellung »Luftkunst« des Zeppelinmuseums Friedrichshafen zu sehen ist, fest. Dieser festgefrorene Bewegungsmoment präsentiert sich dem Publikum in Form eines bis zum maximalen Füllstand auf- gepumpten schwarzen Ballons, welcher auf einer Pumpe mit Steuerventil montiert ist. Die schwarze, spiegelnde Oberfläche der geschlossenen, konvexen Form des Ballons stößt den Raum ab, scheint ihn gleichzeitig in sich aufzunehmen, wirkt unnahbar und steigert damit die Dramatik des Augenblicks. Die Flüchtigkeit des festgehaltenen Moments steht im Spannungsverhältnis zu dem statischen Objekt. »Atmen« changiert unablässig zwischen Stillstand und Bewegung - einer Bewegung, die nicht real, sondern im Kopf des Betrachters stattfindet, indem der befürchtete, sich anschließende Moment - das Platzen - unweigerlich mitgedacht wird. Der Ballon scheint zu pulsieren.

Katrin Wegemann I »ATMEN« | (2010)
schwarzer Ballon I Luftpumpe | L1.8 x B1.8 x H2.4 (m)
In »Wachsen« wird das Entstehen des Ballons - die Abfolge seiner physikalischen
Zustände - zu einem inszenierten Ereignis, welches einer Dramaturgie folgt. In der Arbeit »Atmen« findet die Künstlerin schließlich auf einfallsreiche Art und Weise einen Weg, den Höhepunkt dieser Inszenierung mit Hilfe der von ihr gewählten Komponenten und deren immanenten Materialeigenschaften schier endlos in die Länge zu ziehen. Dabei reguliert sie den Füllstand des Ballons und greift auch hier mit Hilfe der Apparatur - mit wenigen Pumpschlägen - kontrollierend ein. Ebenso spielt ihre jüngste Arbeit »Aufsteigen« mit den Materialeigenschaften des Ballons: Die Materialität der mit Helium gefüllten Ballons − die galvanisierte, spiegelnde Oberfläche − lässt einen unwillkürlich an schwebende Stahlkugeln denken. Sie gibt dem Objekt eine die natürlichen Gesetze der Schwerkraft überwindende Anmutung. Seinen Höhepunkt findet dieses Schauspiel in der im Schlussakt vollständigen Ablösung des Ballons von der technischen Apparatur: Die Ballons schweben zur Decke und die Welt scheint auf den Kopf gestellt. Das natürliche Streben des mit Helium gefüllten Ballons nach oben wird immer wieder unterbunden und der Prozess von der Künstlerin durch eine festgelegte Programmierung gezielt kontrolliert und gelenkt. Im Vergleich zu den vorangegangenen Arbeiten wird hier ein besonders hohes Maß an Steuerung des von ihr angestoßenen Prozesses deutlich. Die von der Künstlerin komponierten Bewegungszustände werden anhand der ausgestellten Partituren zu dieser Arbeit in der Ausstellung für den Betrachter ablesbar.
Gleichzeitig dehnt sich ihre Kunst in den Raum aus - physisch in Form umher- schwebender Seifenblasen oder optisch durch die sich spiegelnden Ballons - und löst damit die Grenzen zwischen Objekt und Betrachterraum auf: Dies ist auch ein wesentlicher Gedanke des revolutionären Kunstbegriffs, den Vertreter der Gruppen »Zero« oder »Azimut« in den 1960er Jahren prägten - die Erweiterung des Bildraumes. Sie schufen hiermit, fußend auf historischen Vorbildern, die Grundlagen für den Begriff der Installationskunst, wie wir sie heute begreifen. Insbesondere seien hier die Bühnenbilder im Werk Agostino Bonalumis hervorzuheben, dessen Arbeiten in der Eröffnungsausstellung der Galerie artplosiv im September 2010 zu sehen waren. Erobert Agostino Bonalumi in seinen Werken den Raum aus der Fläche heraus, so stellt artplosiv mit den Arbeiten Katrin Wegemanns nun eine zeitgenös-sische Künstlerin vor, die den Schritt in den Raum vollzogen hat und mit ihren prozessualen, raumfüllenden Inszenierungen eben diesen aus seinem Zentrum heraus erschließt.
Der Begriff POIESIS stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Erschaffung«. Katrin Wegemann erschafft Kunstwerke, die selbstschöpferisch agieren und zum Produzenten der von der Künstlerin intendierten Absicht werden: Sie dienen dem Zweck, uns auf erzählerische Weise ästhetische Erfahrungen zu vermitteln. (ACK)
_Biografie: 1982 geboren in Recklinghausen (D) I 2002-2003 Kunstakademie Münster (Freie Kunst) I 2003-2007 Kunstakademie Düsseldorf (Bildhauerei) I 2005-2006 Accademia di belle arti “Lorenzo da Viterbo” (I) I 2008 Emily Carr Institute Vancouver (Bildhauerei/CDN) I 2007-2009 Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Bildhauerei)
_Ausstellungen (Einzel- und Gruppenausstellungen): “Luftkunst”, Zeppelin Museum Friedrichshafen (2011 D) I “Time and Motion Study” Kunstverein, Freiburg (2010 - 2011 D) I “GWK - Förderpreisausstellung”, Kunstmuseum Ahlen, Westfalen (2010 D) I “Test”, Uferhallen, Berlin-Wedding (2010 D) I “Positionsänderung Lokal.2010”, Maschinenhalle, Herten (2010 D) I “bunt gewürfelt”, Vestischer Künstlerbund, Recklinghausen (2010 D) I “schlaflos geträumt vom Sammeln”, Wohnung Sonja Rentsch, Bremen (2009 D) I “Raum kann man nicht falten”, Mart Stam Förderpreis, Kunsthaus Bethanien, Berlin (2009 D) I “Bleistift” Vestischer Künstlerbund, Recklinghausen (2008 D) I “Kunst in der Region”, DA-Kunsthaus, Gravenhorst (2008 D) I “I have hope anyway”, Diplomausstellung, Umspannwerk Berlin (2008 D) I “Tausch”, Loge, Berlin-Mitte (2007 D) I “Erika Hock und Katrin Wegemann”, Langenfeld (2007 D) I “Im Treibhaus”, ARD-Hauptstadtstudio, Berlin (2007 D) I “Scheibenkleister” Wewerka-Pavillon, Münster (2006 D) I “Kamp-Klassenausstellung”, Kunsthalle und Kunstakademie Düsseldorf (2006 D) I “Sehen sie doch zweimal hin!”, Oberschlesisches Landesmuseum, Ratingen (2005 D) I “Kurzschluss - bundesweites Kunststudentenprojekt”, Stuttgart (2005 D)
_Preise und Stipendien: Wohn- und Atelierstipendium, Künstlerdorf Schöppingen, Westfalen (2011 D) I Wohn- und Atelierstipendium, Jozi art:lab Johannesburg (2011 ZA) I Wohn- und Atelierstipendium, Altes Spital Solothurn (2010 - 2011 CH) I Wohn- und Atelierstipendium Kunst:raum Quelle Sylt, Sylt-Rantum (2010 D) I Mart Stam Stiftung für Kunst + Gestaltung, Berlin (2010 D) I GWK Förderpreis Kunst, Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit (2010 D) I NaFöG, Elsa-Neumann Stiftung, Berlin (2009 D) I Stipendium zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses, DAAD-Japan Reise (2009) I Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes (2005 - 2009) I Preis des Vestischen Künstlerbundes, Recklinghausen (2008) I Förderpreis der Mart Stam Gesellschaft, Berlin (2008)
www.katrinwegemann.de